Grenzecho: Immer mehr Mädchen wählen technische Berufe am RSI Eupen

Von Christian Schmitz 13.06.2026

Der Geruch von Holz liegt in der Luft, Maschinen laufen im
Hintergrund, auf Werkbänken liegen angefangene
Werkstücke. Wer die Werkstätten im Robert-Schuman-
Institut (RSI) in Eupen betritt, trifft auf eine Welt, die viele
noch immer mit klassischen Männerberufen verbinden. Ein
Blick in die 4. Klasse TB Holztechnik zeigt aber, dass sich
etwas zu verändern scheint.
Ende Mai rückte die Kampagne „Built to build“ Frauen im Bau- und
Handwerkssektor stärker in den Mittelpunkt. Mit Bauzaunbannern,
Videos, Porträts und Aktionen in Schulen wollen Embuild Verviers-
Ostbelgien, Constructiv und ihre Partner mehr Frauen für technische und
handwerkliche Berufe begeistern. Hintergrund sind der
Fachkräftemangel und die weiterhin geringe Zahl von Frauen in der
Branche.
Im Video: Werkstattleiter Sebastian Hamacher spricht im Interview
über den steigenden Anteil von Mädchen in handwerklichen Berufen
und die Veränderungen in der Ausbildung.
Wie sich diese Entwicklung bereits heute in der Ausbildung bemerkbar
macht, zeigt ein Besuch in der 4. Klasse TB Holztechnik des RSI. Von den
zwölf Schülerinnen und Schülern der Klasse sind inzwischen fünf
Mädchen. Noch vor einigen Jahren wäre das außergewöhnlich gewesen.
Die Entwicklung ging sogar so weit, dass die Schule die Umkleiden
erweitern musste, weil die vorhandenen Spinde für die steigende Zahl an
Schülerinnen nicht mehr ausreichten. Für Sebastian Hamacher kommt
diese Entwicklung nicht überraschend. Der Werkstattleiter am RSI
beobachtet seit Jahren, dass sich immer mehr Mädchen für
handwerkliche und technische Berufe interessieren. „Ich denke auf jeden
Fall, dass wir da positive Entwicklungen haben“, sagt er im Gespräch mit
dem GrenzEcho. „Immer mehr Frauen trauen sich ins Handwerk, weil
sich die Bedingungen wesentlich verbessert haben.“ Dabei beginne die
Arbeit schon früh. Bereits Kinder im Primarschulalter kämen über
verschiedene Projekte und Aktivitäten mit handwerklichen Tätigkeiten in
Berührung. Besonders sichtbar wird diese Entwicklung derzeit im
Schreinerbereich. Warum gerade dort mehr Mädchen landen als
beispielsweise in der Maschinenbautechnik, der Zerspanung oder der
Automation und Industrierobotik, kann auch Sebastian Hamacher nicht
eindeutig erklären. „Vielleicht ist es der Umgang mit Holz, mit dem
Produkt, mit den Gerüchen in der Werkstatt“, sagt er. Eine klare Antwort
darauf gebe es jedoch nicht.
Sebastian Hamacher, der Werkstattleiter am RSI, sieht vor allem im Schreinerbereich
immer mehr Mädchen, die sich für einen handwerklichen Ausbildungsweg entscheiden. Fest steht für den Werkstattleiter allerdings, dass viele Vorstellungen
über handwerkliche Berufe längst nicht mehr der Realität entsprechen.
Wer an Baustellen oder Werkstätten denkt, hat häufig noch das Bild
körperlich schwer arbeitender Männer vor Augen. Genau dieses Bild sei
jedoch vielerorts überholt. „Die alten Vorurteile – anstrengend für den
Rücken, viel Heben, schwere Lasten – sind eigentlich nicht mehr
gegeben“, erklärt Sebastian Hamacher. Moderne technische Hilfsmittel
ermöglichten heute ein deutlich rückenschonenderes Arbeiten. „Frauen
können in diesem Bereich genauso gut mithalten wie Männer – oft
bringen sie sogar besondere Stärken mit. Auf Baustellen ist hohe
Präzision gefragt. Daraus ergeben sich für Frauen keinerlei Nachteile –
im Gegenteil.“ Tatsächlich dokumentiert schon ein Rundgang durch die
Werkstätten, wie vielfältig technische Berufe inzwischen geworden sind.
Schritt für Schritt zum fertigen Werkstück: Zwei Schülerinnen der Holztechnik-Klasse des
RSI bei der Arbeit. | Foto: David Hagemann
Neben der Schreinerei bietet das RSI Ausbildungswege in den Bereichen
Maschinenbautechnik, Zerspanung, Bauzeichnen, Informatik-Elektronik
sowie Automation und Industrierobotik an. Die Bandbreite reicht von
traditioneller Handwerksarbeit über technische Planung und
Konstruktion bis hin zu Programmierung, Robotik und digitalen
Steuerungssystemen. Beim Besuch der Holzklasse zeigt sich, dass die
Frage nach dem Geschlecht kaum eine Rolle spielt. Eine Schülerin
berichtet, dass manche Dinge ursprünglich eher auf Jungen ausgerichtet
gewesen seien und teilweise angepasst werden mussten. Im Alltag
funktioniere das Miteinander jedoch problemlos. „Das Schöne ist, dass
die Zusammenarbeit zwischen Jungen und Mädchen völlig
unproblematisch ist“, sagt sie. Vorbehalte erleben die Schülerinnen nach
eigenen Angaben eher außerhalb der Schule als in der Werkstatt. Die
Entscheidung für einen handwerklichen Beruf sei im privaten Umfeld
gelegentlich mit Skepsis aufgenommen worden – etwa mit der Frage:
„Bist du dir sicher?“ Für die jungen Frauen ist das ein Hinweis darauf,
dass traditionelle Rollenbilder noch nicht überall verschwunden sind.
Anderen Mädchen, die mit dem Gedanken spielen, einen handwerklichen
Beruf zu erlernen, möchten sie deshalb Mut machen. „Keine Angst
haben, einfach machen. Immer nachfragen, wenn was ist“, sagen die
Schülerinnen.
Genau darauf zielt auch die Kampagne „Built to build“ ab. Sie will Frauen
in handwerklichen und technischen Berufen sichtbarer machen und
jungen Mädchen zeigen, dass diese Wege längst keine Ausnahme mehr
sein müssen. Am RSI scheint dieser Wandel bereits begonnen zu haben.
Werkstattleiter Sebastian Hamacher spricht noch vorsichtig von einer
Entwicklung und nicht von einem endgültigen Trend. Die 4. Klasse TB
Holz zeigt jedoch, dass sich etwas bewegt. Zwischen Werkbänken,
Maschinen und Holzspänen arbeiten heute selbstverständlich Jungen
und Mädchen Seite an Seite. Für die Schülerinnen ist das ohnehin keine
besondere Geschichte mehr – sondern einfach die Ausbildung, die sie
machen möchten.